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Richter - ein Volk für sich

 

Um ehrlich zu sein, muss ich zugeben, dass wir alle ziemlich verrückt sind. Nicht nur, dass wir zwei, drei, vier oder noch mehr Katzen zu Hause haben, nein, wir sind noch so besessen, dass man sich häufig ein ganzes Wochenende über in einer stickigen Halle aufhält, während draußen die Sonne scheint und die Vögel zwitschern. Da fährt man zum Teil Hunderte, zum Teil sogar Tausende von Kilometern in ein fremdes Land, nur sich um dort einer Katzenausstellung „herumzutreiben“... Oft sehe ich als Richter in einer fremden Stadt nur den Flughafen oder Bahnhof, das Hotel und die Ausstellungshalle. Als Arbeitnehmer kann man halt nicht immer zusätzlich ein bis zwei Tage freimachen, wenn man woanders ist. Auch mit der Familie muss das ganze ja auch noch abgestimmt werden; die haben halt auch ein Anrecht auf Ihren Papa bzw. Ehemann!

Weshalb es aber dennoch Menschen gibt, die diesem Hobby frönen, soll dieser kleine Bericht hier etwas genauer erläutern...



Was macht eine Show eigentlich so reizvoll?

Es ist auch für einen langjährigen Richter immer wieder interessant zu hören, was seine Kollegen zu bestimmten Tieren sagen. In der Best-in-Show beispielsweise kann man diejenigen Tiere sehen, die die Kollegen vorgeschlagen haben und die man meist noch nie gesehen hat. Andere kennt man schon von anderen Shows her, und dann freut man sich wenn ein anderer auch ein Tier vorschlägt, welches man selbst einmal für die Best-in-Show nominiert hatte. 

Und meist ist es ja auch so, dass einige wenige Tiere fast immer ganz weit vorne landen. Aber natürlich ist dafür nicht das eine Tier alleine verantwortlich, sondern die anwesende Konkurrenz. Und das macht die ganze Sache – auch für die Jury – so spannend. Speziell bei der BIS (Best-in-Show) kann man als einzelner Richter sehen, wie die Jury in ihrer Gesamtheit mit diesen zum Teil sehr dicht bei qualitativ beieinander liegenden Katzen umgeht. Im Standard haben einige Kriterien gleich viele Punkte, und wie das jeweilige Jury-Mitglied genau damit umgeht, lässt das Katzenrichten niemals langweilig werden.

Natürlich hat es ein erfahrender Richter während seiner langjährigen Ausbildung gelernt, mit dieser und jener Situation umzugehen, aber auch für ihn gibt es immer wieder neue Gegebenheiten, welche das Katzenrichten halt’ so interessant machen, ja spannend sogar!  Es ist auch für die Jury eine Herausforderung, mit ihrem Urteil eng an das heran zu kommen, was beispielsweise 10 andere Kollegen auch erkannt haben – oder später noch werden!

Wie in jedem Mess-System die Mess-Sonde einen geringen Einfluss auf die gesamte Messung hat, so ist auch der Richter eine Komponente im System „Katze-Austeller-Richter-Show“. Auch wenn es sich jetzt etwas pauschal anhört, so ist ein Richter ist auch nur ein Mensch, der einen vorgegebenen Standard anwendet. Wenn also im Standard etwas von einer langgestreckten Katze die Rede ist, so habe ich noch niemanden gesehen, der auf einer Katzenausstellungen ein Bandmass nimmt und zum Beispiel die Körperlänge ins Verhältnis zum Bauchumfang setzt. (Ab gesehen davon, selbst wenn beispielsweise dieselbe Person dasselbe Bauteil zehnmal mit einer Mikrometerschraube misst, gibt es auch immer geringfügige Messwert-Abweichungen. Mitarbeiter aus der Automobilzulieferer-Industrie kennen dieses Phänomen!)

Hier heraus ergeben sich für jeden Richter gewisse Unterschiede. Während ein Richter „schlank“ als „verhungert“ auslegen könnte, sieht es vielleicht ein anderer ganz anders, der gerade zuvor dreißig untersetzte Perser gerichtet hatte. Das allerwichtigste ist  für jede Katze – ganz egal, welcher Rasse sie angehört -, dass das Tier harmonisch ist – was man auch immer darunter verstehen mag – und natürlich gepflegt ist (aber dazu komme ich noch später).

 


1.  Examen 1995 in Hamburg (BEC) für Siam/OKH
Dec. 1997: erstes Mal Richten bei National Cat Show in London

Aber auch andere Einflussfaktoren können das Richten beeinflussen: beispielsweise das Parfüm der Käfignachbarn, das Schreien eines potenten Katers usw. können ein Tier dazu veranlassen, die Augen aufzureißen, die Ohren hängen zu lassen, das Fell abzustellen… Aber auch Klima sollte man nicht unterschätzen (Temperatur, Luftfeuchtigkeit und auch Beleuchtung – sowie selbstverständlich das „andere Klima“, die „Atmosphäre“ in Halle). Anhand dieser ganzen Aufzählungen können Sie nun erkennen, dass eine Bewertung auf einer Show eigentlich niemals objektiv nur auf die Katze bezogen sein kann. Es gehen so viele Dinge in die Bewertung ein (die man alle hier gar nicht aufzählen kann), dass es eigentlich ein Zufall ist, wenn man reproduzierbare Ergebnisse erhält. Aus diesem Grunde sollte man auch niemals immer nur auf die Meinung eines einzigen Richters hören; erst in Summe von mehreren Ausstellungen kann man ein Ergebnis erwarten, welches der Realität sehr nahe kommt.

Wenn Sie Ihre Katze bewerten lassen möchte, stelle ich eine etwas provokante Frage: warum machen Sie das eigentlich?  Was ist Ihr Ziel, das Sie damit verfolgen?  Haben Sie vor, mit Ihrem Tier zu züchten?  Und wenn ja, was ist Ihr Zuchtziel?  Verzeihen Sie mir diese ganzen Fragen, aber erst, wenn Sie sich selbst diese Fragen beantworten können, kann Ihnen auch wirklich ein Richterbericht weiterhelfen!

Eine Show ist für jeden Züchter absolut unumgänglich. Warum?  Weil man von unabhängigen Personen seine Katze beurteilen lässt. Für einen selbst ist die eigene Katze die schönste – und das ist auch richtig so. Eine unabhängige Jury sieht das natürlich etwas anders. Und da kommt schon die erste Schwierigkeit: wonach wird denn beurteilt?  Die Grundlage hier bildet der sogenannte Standard, in dem haarklein beschrieben steht, wie eine Katze auszusehen hat. Ein Richter bewertet nicht nach eigenem Geschmack!  Er bewertet das, was er sieht, mit dem, was im Standard beschrieben ist!

Mittlerweile gibt es leider viel zu viele Standards, weil viele kleine Vereine ihren „eigenen“ erstellen... Aber genau hier kommt die Jury ins Spiel. In Europa gibt es eigentlich für unabhängige Vereine nur eine international anerkannte Dachorganisation – und das ist die britische GCCF (The Governing Council of the Cat Fancy, was man als „leitendes Konzil der Katzen-Gemeinschaft“ übersetzen könnte). Zusätzlich dazu kann man ergänzend die Standards der beiden amerikanischen Verbände (CFA und TICA) verwenden; die restlichen Standards (FIFé, LOOF, EGCA, WCF u. a.) dürften eigentlich nur innerhalb deren eigenen Ausstellungen zum Einsatz kommen. Hier ist es wichtig, dass man genau weiß, wonach man bewerten soll!  Die einzelnen Standards sind zwar sehr ähnlich, aber zum Teil gibt es doch einige wenige kleinere Abweichungen – und das z. T. doch ausschlaggebend sein, beispielsweise wenn man bei einem „CACE“ 97 Punkte von 100 möglichen erreichen soll…

Das wesentliche ist also die Zuchttauglichkeit, die Ihr Tier auf einer Ausstellung erreichen kann. Hier entscheidet der Bewertungsrichter, in wie weit das Tier mit den Vorgaben, dem sogenannten Standard übereinstimmt und auch, ob dieses Tier in Grundlagen den Zuchtauflagen entspricht. Zwar hat jeder Verein seine eigenen Zucht- und Haltungsrichtlinien, aber ein Minimum an Fordrungen sind beispielsweise in einem guten Standard verankert (GGCF, CFA...). Auch sollte an dieser Stelle erwähnt werden, dass man Richter schon das deutsche Tierschutzgesetz – zumindest aber den Teil 8 mit dem „berüchtigten“ §11b TierSchG (Qualzucht) - kennen sollte, wenn man in Deutschland richtet.


Danke, Holger & Katharina Janzen!
Danke, Margot & Norbert Müller sowie Hannah Schesink!

 

Neben der Zuchttauglichkeit (je nach Verein entweder ein offenes „V“, ein „V1“ oder ein „CAC“) gibt es die sogenannten Titelpunkte („CAC“, „CACIB“ usw.). Die weiteren Auszeichnungen machen eine Show erst so richtig spannend, sollten aber dem Aussteller und Züchter nur sekundär befassen. Dieses ist ein Schmankerl, sollte aber niemals entscheidend sein. Ein erfahrender Züchter interessiert sich viel mehr für den Richterbereicht, in dem er erkennen kann, welches Merkmal noch verbesserungsfähig ist. Natürlich ist es ein tolles Gefühl, seine siegreiche Katze dem Publikum zu präsentieren, aber das sollte eine ganz untergeordnete Rolle spielen...

Wichtig ist, und das sollte niemand vergessen, dass eine Show eine Schönheits-ausstellung ist, bei der jede Unsauberkeit bestraft wird. Dies gilt auch für eine Verletzung oder ähnliches. So hat beispielsweise auch ein weibliches Tier mit angeschwollener Milchleiste nichts auf einer Katzenausstellung verloren; sie gehört zu Ihrem Babys!

Die Sauberkeit ist eines der obersten Gebote, eine gebadete Katze schadet nie, auch eine gebadete Maine Coon ist erwünscht. Ein guter Richter kann trotz des Bades fühlen, ob die Textur wasserabweisend und fest ist – oder nicht. „Wasserabweisend“ bedeutet nämlich nicht „fettig“!  Beispielsweise haben wir unsere Abessinier auch vor der Show gebadet, eine Kurzhaarkatze!

Schließlich haben die Mädchen bei den Castingshows im Fernsehen, die später einmal Topmodel werden möchten, auch stets frisch gewaschene Haare!  Also warum die Katzen auf einer Schönheitsausstellung nicht auch?

Und wenn jemand das Argument anwenden möchte, dass sämtliche Katzen wasserscheu sein, dann erwidere ich nur: Haben Sie jemals eine Katze gesehen, die Fische im Teich beobachtet und diese fangen möchte?

Selbstverständlich ist nun auch wichtig, wie Sie Ihr Tier präsentieren. Hierbei kommt es zu rassespezifischen Unterschieden: während man eine untersetzte Perserkatze gestaucht zeigt, stellt man die elegante Siamkatze langgestreckt vor. Eine Herausforderung ist es, eine langgestreckte Maine Coon so zu präsentieren, dass der Bauch nicht unten absinkt, indem man beispielsweise beim „Langziehen“ die Hinterbeine etwas tiefer hält und die Vorderbeine weiter oben.

Ist eine Katze freundlich und präsentiert sich sogar selbst, so ist dies absolut kein Nachteil!  Selbstverständlich fließt das Wesen des Tieres in die Gesamtbeurteilung mit ein. Wer etwas anderes behauptet, der lügt!  Ein aggressives Tier hat auf einer Ausstellung nichts verloren!  Aber auch verängstigte Tiere sollte man lieber zu Hause lassen, als zu einer Show mitzunehmen.

Eine Sache noch am Rande: Ein Richter ist kein Tierarzt. Ein Richter bewertet die Katze nach Ihrer äußeren Erscheinung, kann die Wirbelsäule, das Sternum und den Schwanz abfühlen, aber er ist kein Tierarzt. Ein Richter kann beispielsweise keine genetische Erkrankung diagnostizieren, er kann nur welche vermuten und dazu raten, dies oder jenes genauer untersuchen zu lassen!  Daher sollte es für jeden Züchter im eigenen Interesse liegen, sich nicht auf nur die Zuchttauglichkeit von der Katzenausstellung her zu verlassen, sondern sein Tier auch bei einem Veterinär durchchecken zu lassen. Bei vielen Rassen treten leider vermehrt einige genetische Krankheiten auf, die es auszumerzen gilt!  Ein seriöser Verein sollte im Eigeninteresse handeln und entsprechende Tests für diverse Rasse einfordern und gegebenenfalls Katzen mit positivem Befund - oder aktuell keinem vorliegenden Test - nicht zur Zucht zuzulassen. Man hat es nicht nötig, ungesunde Tiere zu vermehren - außerdem würde man in diesem Falle gegen §11b TierSchG verstoßen!